Journal

Das Journal auf portikus.de dient als Erweiterung der Ausstellungen im Portikus. Verschiedene Beiträge wie Essays, Interviews, Erzählungen oder Foto- und Videobeiträge vermitteln einen genaueren Blick auf die Interessen der ausstellenden Künstler und reflektieren Themen, die unsere Gesellschaft, Politik und Kultur betreffen.

In the Mood for Bengawan Solo

Paula Kommoss, Arin Rungjang
2018-09-17

Im Verborgenen

Carina Bukuts
2017-12-21

Textil als Medium der zeitgenössischen Kunst

Olga Inozemtceva
2017-05-18

Zwischen Stillstand und Bewegung

Malina Lauterbach, Maximilian Wahlich
2017-01-29

Der Körper, der Sockel

Marina Rüdiger
2016-05-31

H[gun shot]ow c[gun shot]an I f[gun shot]orget?

Lawrence Abu Hamdan
2016-04-19

Online-Gespräch

Angela Lühning, Carl Haarnack, Oliver Hardt & Willem de Rooij
2021-05-20

L'Esprit—Absolventenausstellung 2020

Louisa Behr und Johanna Weiß
2020-09-18

Sind wir außerhalb der Ausstellungshalle noch ständig konfrontiert mit einer gewissen aufgewühlten Unruhe angesichts der globalen Pandemie, so tritt uns innerhalb der Ausstellung eine zuversichtliche, fast humoristische Stimmung entgegen. Dies könnte auch als Reaktion auf die letzten Monate gelesen werden, die alles andere als strikt, geplant oder greifbar waren. Der Blick in die Zukunft ist nicht nur der Absolvent*innenausstellung per se und der Natur eines Studienabschlusses inhärent, sondern auch in der optimistischen Atmosphäre der Arbeiten.

L’Esprit lautet der Titel der diesjährigen Absolvent*innenausstellung der Städelschule, die einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft richtet. Mit Geist oder Verstand kann der französische Begriff übersetzt werden, der auch im Deutschen verwendet wird. Eine Person mit Esprit könnte auch mit den Adjektiven geistvoll oder gewitzt beschrieben werden – eines hat diese Begriffsgruppe allerdings gemeinsam: die Konnotation fällt positiv und schwungvoll aus, wenn die einhergehende Stimmung beschrieben werden müsste. Genauso wenig wie der Geist greifbar ist, ist auch der Esprit nicht materiell, nicht fassbar und verweist lediglich auf eine auratische Dynamik, mit der die Räume des Portikus durchschritten werden können.

22 Absolvent*innen aus allen Klassen der Städelschule stellen im Portikus ihre medial unterschiedlichen Werke aus: sowohl Malerei und Bildhauerei als auch Video- und performative Kunst ist ausgeglichen vertreten. Mag es auf den ersten Blick scheinen, als wären die Kunstwerke in dem nicht allzu großen Gebäude auf der Maininsel dicht gedrängt, so wird man schon im ersten Ausstellungsraum vom Gegenteil überzeugt. Wir fragen uns, ob wir vielleicht im Zuge der letzten Monate schlichtweg sensibler geworden sind, was den Umgang mit Raum betrifft? Auf den privaten Raum sind wir verstärkt verwiesen, wobei der öffentliche umsichtiger begangen wird.

Für L’Esprit werden im Portikus nicht nur die große Halle und das Mezzanin als Ausstellungsfläche benutzt, sondern auch der Shop, das Büro und der Garten. So stellten sich die Kurator*innen Sophie Buscher und Alke Heykes der Herausforderung, jeder Arbeit genug Raum zu geben. Das Ergebnis kann kaum in Frage gestellt werden – schnell ist man davon überzeugt, dass jedes Werk seinen eigenen Platz gefunden hat und sie dennoch miteinander in einen Dialog treten können. Wir überlegen uns, ob sich das auf die Graduierten und ihre Zeit an der Städelschule und in Frankfurt übertragen lässt?

Sinnbildlich wird diese Frage von Matt Welch beantwortet, der in seiner Skulptur Mechanical assimilation into a bad environment (die Verdauung) (2020) das Innere eines überdimensionierten Magens darstellt. Das Verdauungsorgan ist aus Glasfaser und Harz gefertigt und das Innere, das dort zum „Verdauen“ bereit liegt, besteht aus Geschirr und Essensresten. Auf einen zweiten Blick lassen sich die Teller und Tassen als Eigentum der Mensa der Städelschule identifizieren. Es stellt eben einen großen Schritt dar, die behütende Kunsthochschule zu verlassen, die den Künstler*innen Freiheit zum Experimentieren gibt, und sich nun auf eigenen Beinen einen Weg durch die Kunstwelt zu bahnen. Wie ein Fels in der Brandung lässt die Arbeit Interface (2020) vom Künstlerduo Timon und Melchior Grau den Portikus in regelmäßigen Sequenzen aufleuchten. Ihre Installation befindet sich auf dem Mezzanin und besteht aus drei kokonförmigen Objekten, die wie milchglasige Leuchten anmuten. Sie beschäftigen sich in ihrem Werk hauptsächlich mit den Grenzen zwischen Design und Kunst und der Verortung von Objekten und Subjekten innerhalb dessen. Die Arbeit, die für die Absolvent*innenausstellung entstanden ist, lässt dennoch weitere Interpretationsräume offen. Die Künstlerin Živa Drvarič spielt ebenfalls mit unseren Sehgewohnheiten und normativen Funktionalitäten von Objekten. Ihre Arbeiten befinden sich sowohl im Unter- als auch im Obergeschoss der Ausstellungshalle und präsentieren sich in einem neutralen, sehr klaren Gestus. Beispielsweise die Arbeit Emptiness (2020) erhebt zwei Glasflaschen ihrem Nutzen und lässt sie flach übereinander liegen. Vielleicht auch ein Blick ins vorerst Leere oder Ungewisse, allerdings aus einer optimistischen, experimentellen Perspektive? Vor einem Fenster im Untergeschoss hängt eine der drei gezeigten Werke des Künstlers Shaun Motsi. Die kleinformatigen, mit pastosem Farbauftrag angefertigten Malereien interessieren sich auf ihre Weise ebenfalls für Fragen nach Sichtbarkeit und Blickrichtungen. In der Arbeit Bad-Bar Blues(2020) ist eine hinter einer Pflanze versteckte Skulptur eines Schwarzen Saxophonspielers abgebildet, die ursprünglich als Dekorationsobjekt diente. Der Künstler hinterfragt die koloniale und exotisierende Geste, die in dem Objekt steht, ohne der Betrachter*in einen direkten Blick auf die Figur zu gewähren: so ist sie nur schemenhaft erkennbar. Die Videoinstallation von Yong Xiang Li und die Arbeiten von Johanna Odersky eröffnen in einer verspielt-romantischen Ästhetik einen Blick auf Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Innen- und Außenwelt. Steht bei Odersky vor allem die Zärtlichkeit ihrer Skulpturen im Mittelpunkt, eröffnet Xiang Li in seiner Adaption eines Romans eine utopische Welt, die Grenzen zwischen Spezies aufbricht. Dies lässt beide Arbeiten für die Besucher*innen in einen Dialog treten. Die Videoarbeit von Andrew Wagner vermag es mit ihrer linearen, humoristischen Narration ebenfalls, die Betrachter*innen in ihren Bann zu ziehen – ebenso wie die vielen weiteren Arbeiten in L’Esprit.

Der Portikus eröffnet uns mit der Ausstellung einen Gegenpol zur alltäglichen Unruhe. Die Absolvent*innenausstellung ermöglicht Einblicke in 22 verschiedene Praxen, die ihre selbstbewussten, individuellen Handschriften deutlich machen – so kann ihnen nur das Beste für ihren Weg hinaus aus dem sicheren Hafen der Kunsthochschule gewünscht werden.

Zur Ausstellung L'Esprit

Louisa Behr, BA Kunstgeschichte und Theater- und Medienwissenschaft, ist derzeit Studentin des Masterprogramms Curatorial Studies an der Hochschule für Bildende Künste – Städelschule und der Goethe Universität Frankfurt/Main.

Johanna Weiß, BA in Kulturwissenschaften und Kunstgeschichte, studiert seit Herbst 2019 im Master Curatorial Studies an der Hochschule für Bildende Künste – Städelschule und der Goethe Universität Frankfurt/Main.

Zahl & Kopf

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