21.02.–10.05.2026
Eröffnung: 20.02.2026, 18h
Entlang der Bruchlinien Zentralasiens verweben Saodat Ismailovas Filme und Installationen Rituale, Mythen und Träume mit den Texturen des Alltags. Mit When the Water Turns to Wind setzt sie ihre langjährige Auseinandersetzung mit der komplexen Geschichte und Kultur der Region, den politischen und sozialen Umbrüchen nach dem Zerfall der Sowjetunion und den ökologischen Herausforderungen der Gegenwart fort. Zentral ist dabei das Motiv der Abwesenheit: Wissen, das durch historische Zäsuren verloren ging, ausgetrocknete Gewässer oder ausgestorbene Arten. Für Ismailova prägt das Verschwundene weiterhin das kulturelle Gedächtnis und die kollektive Vorstellungskraft Turkestans – jener weitläufigen Region, die sich einst vom Kaspischen Meer bis zur Wüste Gobi erstreckte und vielfältige Kulturen, Sprachen und Religionen verband.
Die Auseinandersetzung mit Verlust und Erinnerung verdichtet sich in Ismailovas neu entwickelter Installation When the Water Turns to Wind, die vom langsamen Verschwinden des Aralsees erzählt. Einst einer der größten Binnenseen der Erde, zerfiel der Aralsee infolge jahrzehntelanger Austrocknung in mehrere separate Wasserflächen – eine der gravierendsten vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen des 20. Jahrhunderts.
In ihrer spezifisch für den Portikus entwickelten Filminstallation folgt Ismailovas Kamera den Konturen des Aralsees. Sie erkundet Landschaften, in denen einst Wasser das Leben bestimmte und heute Sand, Salz und harsche Winde dominieren. Weniger als eine dokumentarische Bestandsaufnahme zielt die Arbeit darauf, Transformation und Verschwinden sinnlich erfahrbar zu machen, als Ausdruck eines tiefgreifenden ökologischen und kulturellen Wandels. Gemeinsam mit dem Komponisten und Soundkünstler Marc Parazon hat Ismailova eine begleitende akustische Landschaft entworfen, die Field Recordings und eigens komponiertem Sound vereint.
Von konkreten lokalen Erfahrungen ausgehend öffnet die Arbeit einen größeren politischen und ökologischen Bezugsrahmen. Sie verweist auf eine extraktivistische Wasserwirtschaft im Kontext der lokalen Baumwollindustrie, die eng mit sowjetischen und russisch-imperialen Entwicklungsprojekten verbunden ist. Indem sie historische Spuren und transnationale Verflechtungen freilegt, entwirft Ismailova eine imaginative Vergegenwärtigung des Terrains. Die fließenden Bilder tasten zentralasiatische Landschaften ab, geprägt von Traditionen und Mythen ebenso wie von Grenzverschiebungen, Migration und imperialen Kräften. Dabei widersetzt sich Ismailovas Arbeit sowohl imperial gezogenen Trennungen als auch den nationalen Territorialgrenzen des postsowjetischen Zentralasiens und betont ein durch Geschichte und Erfahrung verbundenes Gebiet.
Als doppelt von Land umschlossenes Gebiet sind Flüsse und Seen in Usbekistan von zentraler Bedeutung. Der Amudarja und der Syrdarja, die beiden Zuflüsse des Aralsees, entspringen in den Hochgebirgen Tadschikistans und Kirgistans und sind lebenswichtige Ressourcen für die Bewohner*innen Zentralasiens. Durch ökologisches Missmanagement und intensive Bewässerungswirtschaft erreichen die Flüsse den Aralsee heute nur noch als Rinnsale. Wo sie einst in den See mündeten, hat sich inzwischen die Wüste Aralkum gebildet. Über Jahrzehnte in den See gespülte Düngemittel haben die Landschaft nachhaltig vergiftet. Die am Seeboden abgelagerten Schadstoffe werden heute durch Staubstürme in die Luft getragen.
Ismailovas Filme widersetzen sich der extraktivistischen Logik, die den Zugriff auf die Landschaften Zentralasiens prägt, indem sie auf überliefertes Wissen, Rituale und Träume zurückgreifen und alternative Formen ökologischer Beziehungen vorschlagen. Sie lassen sich als Reflexionen über die Bedeutung verdrängter Lebensräume und marginalisierter kultureller Praktiken in Zeiten politischer und sozialer Umbrüche lesen. Indem sie an vergessene Geschichten und kollektive Verbindungen erinnert, die nationale Grenzen überschreiten, macht sie universalistische Anliegen sichtbar. Still, aber beharrlich insistiert sie auf die Erinnerung des gelebten wie des noch kommenden Lebens.
Ein begleitendes Filmprogramm thematisiert globale Herausforderungen im Zusammenhang mit Ressourcenknappheit und ungleich verteilten ökologischen Belastungen.
Jeden 2. Donnerstag um 19 Uhr
26.02.26
Sharing a Dream with a River – weitere Filme von Saodat Ismailova
12.03.26
Geographies of Absence – Between Disappearance and Re-Imagination
02.04.26
Memories of a Vanishing Sea, Einführung von Filmforscherin Kseniia Bespalova
09.04.26
Whose Voice is This?, ausgewählt von Dilda Ramazan, Mitglied von DAVRA
23.04.26
Echoes, Memory and the Unseen, ausgewählt von Saodat Ismailovas Klasse an der Städelschule
07.05.26
Undercurrents – On Landscapes and Legacies
Saodat Ismailova (*1981 in Taschkent, Usbekistan) studierte am Staatlichen Kunstinstitut Taschkent und schloss 2018 am französischen Kunstinstitut Le Fresnoy – Studio national des arts contemporains – ab. 2021 gründete sie das Forschungskollektiv DAVRA, das sich der Erforschung, Dokumentation und Verbreitung zentralasiatischer Kultur und Wissens widmet. Zu ihren jüngsten Einzelausstellungen zählen das Swiss Institute, New York (2026); Kunsthalle Lissabon (2025); Baltic Centre for Contemporary Arts, Gateshead (2025); Pirelli HangarBicocca, Mailand (2024); und Eye Filmmuseum, Amsterdam (2023). Ihre Werke wurden 2022 auf der 59. Biennale di Venezia sowie auf der documenta fifteen gezeigt. 2025 erhielt sie den Han Nefkens Award in Kooperation mit Reina Sofía (Madrid), Walker Art Center (USA) und Singapore Art Museum sowie den Art Basel Golden Award. Ihre Arbeiten finden sich in Sammlungen wie Tate Modern, London; Stedelijk Museum, Amsterdam; Centre Pompidou, Paris; TBA21; FRAC Korsika; Victoria & Albert Museum, London; und Almaty Museum of Arts, Kasachstan. Sie lebt in Paris und Taschkent.
When the Water Turns to Wind wird durch die großzügige Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, der Karin und Uwe Hollweg Stiftung, des Büros für bildende Kunst des Institut français Deutschland und des französischen Ministeriums für Kultur ermöglicht. Zudem wird die Ausstellung von dem Städelschule Portikus e.V. unterstützt.
Ausstellungsansichten: Wolfgang Günzel