04.12.2021–20.02.2022

Mit Survival in the afterlife präsentiert der Portikus die erste Einzelausstellung von Lydia Ourahmane in Deutschland. Die ortsspezifische Installation wurde für den Portikus in Frankfurt und de Appel in Amsterdam konzipiert.

 

Lydia Ourahmane wurde 1992 in Saïda, Algerien, geboren und lebt und arbeitet zwischen Algier und Barcelona. Sie schloss 2014 ihr Studium an der Goldsmiths mit The Third Choir ab, einer Arbeit, in der sie den ersten Export eines Kunstwerks aus Algerien, seit dessen Unabhängigkeit von der französischen Kolonialherrschaft im Jahr 1962 vollführte. Seitdem erforscht Lydia Ourahmane die Umwandlung von Objekten der physischen Welt, wie etwa Handelsware oder Dinge aus persönlichem Besitz, wenn sie sich räumlich zwischen Grenzen oder zeitlich zwischen Generationen bewegen. So greift die Arbeit In the Absence of Our Mothers (2018) auf die Geschichte ihres Großvaters zurück, der sich alle sechsunddreißig Zähne ziehen ließ, um dem Militärdienst zu entgehen. Als Teil dieser Arbeit ließ sich Lydia Ourahmane einen goldenen Backenzahn in ihren Mund implantieren, dessen Wert dem Preis entspricht, welchen Menschenhändler*innen heute für die Überfahrt von Algier nach Europa fordern. In ihrer jüngsten Installation Barzakh (2021) transportierte die Künstlerin den gesamten Inhalt ihrer in Algier angemieteten, möblierten Wohnung in Ausstellungsräume in Basel und Marseille. Lydia Ourahmanes Arbeiten beschäftigen sich mit der subtilen Transformation, die Objekte und Erzählungen, sowohl durch Migration über Grenzen als auch durch Adaption in andere Zeiten erfahren. Es werden Verbindungen zwischen dem Persönlichen, dem Geopolitischen und dem komplexen Erbe des europäischen Kolonialismus sichtbar. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind oft die (Lebens-)Geschichten anderer, ihr mitunter nahestehender Personen, die auch in ihrer eigenen Biografie Anknüpfungspunkte haben, welche stark durch die Folgen politischer, religiöser und postkolonialer Implikationen geprägt ist. 

 

Für die Ausstellung Survival in the afterlife präsentiert Lydia Ourahmane ein Archiv aus fotografischen, filmischen und Ton-Aufnahmen von Mitgliedern einer christlich-religiösen Gemeinschaft, die ihre Familie während des Bürgerkriegs in Algerien (1991–2002) gegründet hat und die bis heute aktiv ist. Als religiöse Minderheit ist diese Gemeinschaft damals und auch immer noch ständiger Unterdrückung und politischen Restriktionen der Religionsfreiheit ausgesetzt. Mit ihrem Vorhaben, das umfangreiche Fotomaterial ihrer Eltern und anderer Mitglieder der christlichen Gemeinschaft, die seit 1996 den Namen House of Hope trägt, zu sammeln, zu digitalisieren und zu katalogisieren, macht die Künstlerin diese sensiblen und mitunter sehr privaten Materialien im House of Hope Archives (1989–fortlaufend) öffentlich zugänglich. Das Material, das Zusammenkünfte, gemeinsame Mahlzeiten und das Familienleben zeigt, zeugt von einer Gemeinschaft, die inmitten politischer Verfolgungen von einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl geprägt war: „Diese Materialien, die bisher in meiner unmittelbaren Familie verblieben sind, zeugen von einer spirituellen Bewegung, die hinter verschlossenen Türen und für eine gewisse Zeit im Verborgenen, im Keller unserer verschiedenen Wohnungen, stattfand, die für eine wachsende Gemeinschaft umfunktioniert wurden. Viele [der Mitglieder] wurden in ihrer Heimat und im größeren Kontext der Gesellschaft verfolgt. Das ist der Grund, warum wir eine Kommune geworden sind, und zwar nicht durch Rekrutierung, sondern durch die Dringlichkeit des Überlebens im Angesicht eines Bürgerkriegs.“ (Lydia Ourahmane während der Ausstellungsproduktion bei de Appel in Amsterdam, 2021).

 

In der Ausstellung ist eine Soundarbeit mit dem Titel Notice the direction of fires zu hören. Sie wurde von Yawning Portal in Kollaboration von Jessica Mai Walker und Joe Ware mit Lydia Ourahmane komponiert. Gemeinsam schufen sie eine Komposition, die synthetische Klänge, Foley-Effekte und gesprochene Worte kombiniert, um den Ausstellungsraum zu durchdringen und einzuhüllen. Matratzen auf dem Boden des Ausstellungsraums und die von Freund*innen der Künstlerin angefertigten Kissen (Closures, 2021) bieten den Besucher*innen einen Ort zum Ausruhen und Zuhören an. Der Titel Notice the direction of fires spielt auf die Anweisung an, sich nach dem Rauch eines noch unsichtbaren Feuers zu richten, um sich in einer unbekannten Landschaft zurechtzufinden.

 

In der Ausstellung Survival in the afterlife geht es um das Schaffen von Raum, als Möglichkeit des Widerstands und als Ort der Gastfreundschaft — insbesondere in Zeiten der Isolation, sowohl der gegenwärtigen angesichts der aktuellen Pandemie als auch der in Zeiten staatlicher Einschränkungen von Religionsfreiheit: Wie ist es möglich eine Gemeinschaft zu bewahren, wenn die Politik entgegenwirkt? Welche Eingriffe ermöglichen einen Ort der Gastfreundschaft, wenn die Mittel dafür gering sind? Indem Lydia Ourahmane das private Archiv ihrer Familie in den öffentlichen Raum überführt, entwickeln sich die privaten Erinnerungen als Zeugnis von Gemeinschaft in der Installation zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis, verbunden durch den Sound und die geteilte Erfahrung des Zusammenseins. 

 

Kuratiert von Christina Lehnert

 

 

Die Ausstellung findet statt im Rahmen von Consortium Commissions – ein Projekt initiiert von Mophradat. Sie wird großzügig unterstützt durch die Stiftung Städelschule für junge Künstler, Städelschule Portikus e.V. und French Bento Bar, Frankfurt am Main. Der Portikus wird dauerhaft unterstützt durch das Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main.

 

Mit besonderem Dank an:

Alex Ayed, Sophia Al-Maria, Alessandro Bava, Yuma Burgess, Victor Ruiz Colomer, Jeano Edwards, Claudia Famulok, Arash Fayez, felicita, Robert Fox, Danai Giannoglou, Graham Hamilton, Steph Hartop, Saad Kaabara, Samantha Lasko, Christina Lehnert, Huw Lemmey, Line Lyhne, Deborah Müller, nifnif, Sarah Ourahmane, Gabriel Possamai, Mica Prentovic, Deshaun Price, Yasmil Raymond, Cory Scozzari, Mira Starke, Robin Stretz, Simon Sutcliffe, Monika Szewczyk & de Appel team, Alex Thake, Hie Tee, Youssef, Isabel Valli, Lucie von Eugen, Jessica Mai Walker, and Joe Ware.