11.07.–06.09.2020

Eröffnung: 10.07.2020, 16-20h


In ihrer kommenden Einzelausstellung im Portikus präsentiert die in Kanada lebende Künstlerin Hajra Waheed eine ortsspezifische Iteration ihrer jüngsten Klangarbeit Hum

Als mehrkanalige Musikkomposition und Klanginstallation nutzt Hum (2020) das Medium des allgegenwärtigen und doch meist überhörten Summens als Mittel zur Erforschung radikaler Formen kollektiver und akustischer Handlungsfähigkeit. Der Titel der Arbeit, der in Urdu mit "Wir" übersetzt wird, bezieht sich auf internationale Solidaritäts-bewegungen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts während des Prozesses der Dekolonisierung im Globalen Süden formiert haben. Durch die Notwendigkeit sich kritisch mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen und über deren Auswirkung auf unsere Zeit nachzudenken, vereint die Arbeit acht gesummte Lieder des Widerstands aus Afrika, Süd-, Zentral- und Westasien in einer Komposition. Jedem dieser gesummten Verse liegen Geschichten über den Kampf gegen staatliche Unterdrückung, Autoritarismus und die Not und Hoffnung der Arbeiterklasse, der Marginalisierten und Enteigneten zugrunde. All diese Lieder werden auch heute noch in gesellschaftlichen Protestbewegungen gesungen.

Hum (2020) wurde ursprünglich für die Lahore Biennale 02 geschaffen und im historischen Diwaan-i-Aam im Lahore Fort gezeigt. Diwaan-i-Aam wurde 1628 von Shah Jahan erbaut und nach dem Vorbild von Isfahans Chehel Sotoun, einem Auditorium mit vierzig Säulen, gestaltet. Diwaan-i-Aam war ursprünglich als ein Raum konzipiert, in dem die Öffentlichkeit ihre Beschwerden vorbringen konnte. Die Betonung unseres Rechts auf freie Meinungs-äußerung, das Summen als Medium, die Meditation, die Phänomene und die Sprache des Widerstands durchbrechen eine Krise verhärteter Differenzen, stellen Grenz-konstruktionen in Frage und verwandeln für einen Moment die Spaltungen über ethnische, religiöse, sprachliche und nationale Zugehörigkeiten in einen Aufruf zur Solidarität. 

Anlässlich der Ausstellung erscheint ein Booklet, das ein Gespräch zwischen der Künstlerin Hajra Waheed und dem Architekten David Adjaye enthält.

Credits:
Künstlerische Leiterin: Hajra Waheed

Aufnahmeleiter (Musik): Pietro Amato

Musikalische Kompositin (Musik): Sam Shalabi & Laurel Sprengelmeyer

Toningenieur: Michael Feuerstack

Mischtonmeister: Pietro Amato, Michael Feuerstack

Originalaufnahmen von: Habib Jalib, Faiz Ahmed Faiz (gesungen von Iqbal Bano), Ahmed Fouad Negm (gesungen von Sheikh Imam Eissa), Muhammad al-Makki Ibraheem (gesungen von: Mohammed Wardi), Nudem Durak, Dr. Bashir Ahmad (gesungen von: Hamid Hussain)

Hum (2020) wurde durch die großzügige Unterstützung der Lahore Biennale Foundation (Pakistan) und des Portikus‘ (Deutschland) ermöglicht. Die Ausstellung HUM im Portikus ist Teil von Kanadas Kulturprogramm als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2020 und wird unterstützt durch die Botschaft von Kanada.

Hajra Waheeds multidisziplinäre Praxis reicht von Malerei und Zeichnung bis hin zu Video, Sound, Skulptur und Installation. Unter anderem untersucht sie die Verbindung zwischen Sicherheit, Überwachung und den verdeckten Netzwerken der Macht, die unser Leben strukturieren. Sie befasst sich gleichzeitig mit den Traumata und der Entfremdung von Vertriebenen, die von dem Vermächtnis kolonialer und staatlicher Gewalt betroffen sind.

Hajra Waheed (geb. 1980, Kanada) lebt und arbeitet in Montréal. Waheed hat an einer Vielzahl von Ausstellungen weltweit teilgenommen, darunter Globale Resistance, Centre Pompidou, Paris (2020); Lahore Biennale 02, Pakistan (2020); Pushing Paper: Contemporary Drawing from 1970 to Now, British Museum, London (2019); Hold Everything Dear, The Power Plant, Toronto (2019); 57. Biennale Venedig, VIVA ARTE VIVA, Venedig (2017); 11. Gwangju Biennale, Südkorea (2016); The Cyphers, BALTIC Centre for Contemporary Art, Gateshead, Großbritannien (2016); Still Against the Sky, KW Institute for Contemporary Art, Berlin (2015); La Biennale de Montréal, Musée d'art contemporain de Montréal, Quebec (2014).