Journal

Das Journal auf portikus.de dient als Erweiterung der Ausstellungen im Portikus. Verschiedene Beiträge wie Essays, Interviews, Erzählungen oder Foto- und Videobeiträge vermitteln einen genaueren Blick auf die Interessen der ausstellenden Künstler und reflektieren Themen, die unsere Gesellschaft, Politik und Kultur betreffen.

In the Mood for Bengawan Solo

Paula Kommoss, Arin Rungjang
2018-09-17

"Oh my god, this is another kind of code language!"

Amy Sillman, Bernard Vienat
2016-08-17

Ein Narrativ für den Körper: Present Sore von Shahryar Nashat

Isla Leaver-Yap, Shahryar Nashat, Fabian Schöneich
2016-04-22

WE THE PEOPLE – Die Bewahrung der Freiheit

Cosima Anna Grosser
2017-04-25

Portikus XXX Summer Screening Program

Levi Easterbrooks
2017-09-25

Zahl & Kopf

Levi Easterbrooks, Janique Préjet Vigier
2018-02-06

Der Körper, der Sockel

Marina Rüdiger
2016-05-31

H[gun shot]ow c[gun shot]an I f[gun shot]orget?

Lawrence Abu Hamdan
2016-04-19

Zwischen Stillstand und Bewegung

Malina Lauterbach, Maximilian Wahlich
2017-01-29

Acht Vierkant-Aluminiumstäbe unterschiedlicher Längen lehnen in regelmäßigen Abständen an der weißen Wand des Portikus. Die glatt polierte Oberfläche reflektiert das Licht und die Umgebung und hüllt sie in ein silbrig-weißes Schimmern. Auf jeweils einer Längsseite der Stäbe ist in schwarzen, serifenlosen Großbuchstaben aus Kunststoff ein Vers des Gedichtes There is a Solitude of Space, Nr. 1695, von Emily Dickinson zu lesen:

THERE IS A SOLITUDE OF SPACE
A SOLITUDE OF SEA
A SOLITUDE OF DEATH, BUT THESE
SOCIETY SHALL BE
COMPARED WITH THAT PROFOUNDER SITE
THAT POLAR PRIVACY
A SOUL ADMITTED TO ITSELF–
FINITE INFINITY 1

Roni Horn, When Dickinson Shut Her Eyes: No. 1695 (There is a Solitude of Space), 1993, Ausstellungsansicht, House of Commons, 03.12.2016–29.01.2017, Portikus, Frankfurt/Main, Foto: Helena Schlichting.



Die Worte der Dichterin aus dem 19. Jahrhundert, die sich bereits als Jugendliche in das Haus ihrer Eltern in Amherst, Massachusetts in den Vereinigten Staaten, zurückzog und unter erimitischer Lebensführung 1775 Gedichte verfasste, sind von der Künstlerin Roni Horn in die Vertikale getrieben und klingen bescheiden in den Ausstellungsraum hinein. Unter dem Titel When Dickinson Shut Her Eyes entwickelte die Künstlerin in den 1990er Jahren eine Reihe von skulpturalen Arbeiten, die einen unmittelbaren Bezug zu dem poetischen Werk Emily Dickinsons aufweisen, ihre Gedichte verkörpern und neu „aufführen“. Die Arbeiten stellen den Austausch zwischen Sprache, Objekt und Betrachter zur Debatte und fördern in ihrer ruhigen, gleichförmigen Erscheinung die Erweiterung festgelegter Denkmuster.

Roni Horns industriell gefertigte Aluminiumstäbe verzahnen auf vielfache Weise Text und Objekt. Sie reihen sich aneinander wie aus einem Buch ausgeschnittene Verszeilen. Die metallenen Oberflächen reflektieren vor allem die oberen Wand- und Deckensegmente des Portikus, wodurch sie die weiße Farbgebung eines Papieruntergrundes annehmen. Dort, wo die Buchstaben die Kanten berühren, werden sie als Markierungen weitergeführt. So umschließen sie den Schaft des Stabes und vermitteln das Bild aufgeblasener Lettern aus tief eingesogener Schreibtinte. Das zweidimensionale Medium der Schrift legt sich um den dreidimensionalen Körper der einzelnen Skulpturen. Damit changiert die Arbeit von Roni Horn zwischen zwei Verhältnissen der Text-Objekt-Beziehung: Zum einen bestimmen die Längen der Verszeilen den exakten Zuschnitt der Objekte und die mehransichtigen Schriftzeichen etablieren sich von ihrem Untergrund. Zum anderen werden sie wegen der formellen Korrelation an den Träger gebunden und von diesem gerahmt.

Roni Horn, When Dickinson Shut Her Eyes: No. 1695 (There is a Solitude of Space), 1993, Ausstellungsansicht, House of Commons, 03.12.2016–29.01.2017, Portikus, Frankfurt/Main, Foto: Helena Schlichting.



Jeder Stab gilt dabei gleichermaßen als in sich geschlossenes und abgeschlossenes Objekt. Neugierde wird durch einen der mittleren Stäbe erzeugt: Dieser ist in einer Weise verstellt, dass die beschriftete Seite in den Zwischenraum der Objekte gedreht ist. Die Zeile „SOCIETY SHALL BE“ ist aus der Frontalansicht nicht mehr entzifferbar. Da an dieser Stelle die kommunikative Funktion von Schrift zugunsten ihrer grafischen Qualitäten aufgelöst wird, ergibt sich ein Spannungsverhältnis zwischen Objekthaftigkeit und Textualität. Die Lücken werden zu assoziativen Freiräumen. Sie öffnen den Blick auf die dahinterliegende, weiße Wand und ermöglichen, analog dem Lesen zwischen Zeilen, die Suche nach weiteren Deutungsebenen.

Durch die Charakteristik des zum Gegenstand gewordenen Textes werden wir als Betrachter auf besondere Weise herausgefordert. Leserichtung und Verlauf der Buchstaben sind stets vertikal ausgerichtet, so dass die Stäbe Glieder einer literarisch-poetischen Kette ergeben. Einer Reihung von Sätzen, deren Syntax durch die verschiedenartige Ausrichtung des Textes gestört wird. Wir sind dazu angehalten, unter stetigem Perspektivwechsel zu lesen: Mal von unten nach oben, mal umgedreht, mal spiegelverkehrt. Dadurch bricht die Arbeit mit dem gewohnten, statischen Leseverhalten. Um die Sätze in ihrer Vollständigkeit zu erfassen, wird der eigene Körper in die Bewegung gezwungen. Uneinigkeit entsteht zwischen Distanz und Nähe: Einerseits passen wir uns beim Lesen körperlich den Schriftverläufen an, zugleich aber verfremdet diese spezielle Interaktion unseren Lesefluss.

Roni Horn materialisiert die Worte Emily Dickinsons und macht sie physisch erlebbar. Sie konfrontiert uns mit einer statischen Körperlichkeit, die unsere Bewegung einfordert. Im stillen Abschreiten der Objekte formen sich die Sätze gedanklich zu einem Ganzen und ergeben die Projektionsfläche für vielfältige Lektüren und Sichtweisen auf die Arbeit. Stillstand und Bewegung, Sprache und Form fließen zu einer räumlichen und zeitlichen Erfahrung zusammen, innerhalb derer sich die genannten Einheiten auflösen. Die Künstlerin schafft somit eine Situation, in der assoziatives Gedankenspiel und körperliche Regung in Verbindung treten.

1 Thomas H. Johnson, The complete poems of Emily Dickinson, London 1970, S. 691.

Textil als Medium der zeitgenössischen Kunst

Olga Inozemtceva
2017-05-18

Im Verborgenen

Carina Bukuts
2017-12-21