Journal

Das Journal auf portikus.de dient als Erweiterung der Ausstellungen im Portikus. Verschiedene Beiträge wie Essays, Interviews, Erzählungen oder Foto- und Videobeiträge vermitteln einen genaueren Blick auf die Interessen der ausstellenden Künstler und reflektieren Themen, die unsere Gesellschaft, Politik und Kultur betreffen.

Der Körper, der Sockel

Marina Rüdiger
2016-05-31

H[gun shot]ow c[gun shot]an I f[gun shot]orget?

Lawrence Abu Hamdan
2016-04-19

Zwischen Stillstand und Bewegung

Malina Lauterbach, Maximilian Wahlich
2017-01-29

Textil als Medium der zeitgenössischen Kunst

Olga Inozemtceva
2017-05-18

Im Verborgenen

Carina Bukuts
2017-12-21

"Oh my god, this is another kind of code language!"

Amy Sillman, Bernard Vienat
2016-08-17

Ein Narrativ für den Körper: Present Sore von Shahryar Nashat

Isla Leaver-Yap, Shahryar Nashat, Fabian Schöneich
2016-04-22

WE THE PEOPLE – Die Bewahrung der Freiheit

Cosima Anna Grosser
2017-04-25

Portikus XXX Summer Screening Program

Levi Easterbrooks
2017-09-25

Zahl & Kopf

Levi Easterbrooks, Janique Préjet Vigier
2018-02-06

"Zahl" von Levi Easterbrooks
"Kopf" von Janique Préjet Vigier

Moyra Davey, Hell Notes (still), 1990/2017.



Zahl:

Was an den andren Waren vergeht, ist eben ihre Form; aber diese Form gibt ihnen ebenso den Tauschwert, während ihr Gebrauchswert im Aufheben dieser Form, der Konsumtion, besteht. Beim Geld dagegen ist seine Substanz, seine Materialität, die Form selbst, in der es den Reichtum repräsentiert. Wenn das Geld als an allen Orten, der Raumbestimmung nach allgemeine Ware erscheint, so jetzt auch der Zeitbestimmung nach. Es erhält sich als Reichtum in allen Zeiten. Spezifische Dauer desselben. Es ist der Schatz, den weder die Motten noch der Rost fressen.1

Aber was, wenn das Geld verschlungen und später dann wieder völlig unversehrt ausgeschissen würde? Sein Wert würde, trotz seiner elenden Entwürdigung in menschlichen Eingeweiden, erhalten bleiben. Sein sozialer Wert hingegen könnte ins Bodenlose fallen, wenn es mit Scheiße in Kontakt gekommen und durch sie hindurchgegangen wäre, und es würde noch lange, nachdem es gesäubert worden wäre, Ekel auslösen.

Durch diese Passage vom Mund zum Anus oder, in konventionellerem Gebrauch, von der einen Hand zur andern oder vom Portemonnaie in die Kasse, können sich, ungeachtet des durch die metallische Substanz einer Münze gegebenen Eindrucks von Dauerhaftigkeit, im Laufe der Zeit minimale Abreibungen und Abtragungen ansammeln. Gegen Marx ist ein Kupferpfennig metallisches Geld, das oxidiert und rostet. Seine Bewegung bringt auch Verschleiß und die allmähliche Anhäufung von Schmutz, Schleim oder anderen Ausscheidungsstoffen mit sich, mit denen die Straßen der Städte ebenso wie die Finger überzogen sind, die sie verdrossen in Spardosen fallen lassen oder in Wunschbrunnen werfen. Auch wenn die Oberfläche eines Pennys im Licht strahlen mag, ist sein metallischer Glanz, trotz des kühlen institutionellen Affekts, den silberne Türen und Drehkreuze erzeugen, nicht gleichbedeutend mit dem Sauberen oder Hygienischen. Hinter dem warmen reflektierten Licht des Kupfers kann sich eine pockennarbige Oberfläche mit Scharten und Schrammen verbergen, wo sich der Schmutz in den Spuren prekärer Dauerhaftigkeit versteckt. Ohne Makroobjektiv oder einen Test auf Bakterienkulturen bleibt dieser Dreck unter dem spiegelnden Kupferschein trotz aller verbreiteten Mahnungen, dass Geld schmutzig sei, meistenteils unbemerkt. Diese moralistischen Mahnungen sind im Allgemeinen zweideutige Verunglimpfungen von Sexarbeitern und Bettlern. Hier ist Kleingeld zwischen jenen im Umlauf, die als sozial und physisch unsauber bestimmt sind.

Ein Freund aus der High School steckte sich einmal einen Penny in seinen Anus, holte ihn wieder heraus und warf ihn einer Gruppe von Freunden auf der Couch zu, die sofort voller Ekel auseinanderstob. Abgesehen von der komischen Übersteigerung, die diese Geste aus der Verbindung von Münzgeld und dem Analen machte, ließ sie auch deutlich werden, weshalb Geld im Prozess seiner fäkalen Abjektion und langsamen Auflösung im Tausch seinen Wert erhält. „Wir schätzen Geld, weil wir unsere Scheiße schätzen.“2 Wie Exkremente ist Münzgeld vom menschlichen Körper ablösbar, kann ungehindert durch Kanäle des Austauschs und der Wertverwandlung fließen, die über einzelne Personen hinausgehen. Seine Wandel- und Veränderbarkeit erlauben es dem Geld, als Währung zu fungieren, die beim Kauf von Waren verschiedener Art akzeptiert wird. Einige wenige Münzen sind gleich einem Abstecher zur Bahnhofstoilette ebenso wie einer Tafel Schokolade oder einem Paket Butter.

Moyra Davey, Auszug azs Hell Notes, 1990/2017, Super-8 Film mit Ton, übertragen auf HD Video, 26 min. 16 sec.



Kopf:

Wie jedes Kind, das Pfennige auf die Zunge nimmt, also: wie jedes Kind, erinnere ich mich an ihren Geschmack; sie schmeckten genau wie Blut. Diese Handlung war durch eine gewisse Langeweile angeregt, aber auch durch ein vorläufiges Verständnis von Wissen: etwas zu wissen würde heißen, es ganz aufzunehmen. Die Münze wie das Abendmahl zu nehmen war ein Weg, etwas Öffentliches privat zu machen, zu etwas Geheimen. Letztendlich wusste ich, dass es dreckig war, und war dennoch auf ambivalente Weise zu diesem neu entdeckten Spiel hingezogen, ebenso beeindruckt wie angeekelt von mir selbst. Indem ich Münzen in meinem Mund herumwälzte, lernte ich etwas, wofür ich Jahre brauchte, um es wieder zu vergessen: Geld ist das dreckigste Ding. Das hält die Menschen nicht davon ab, es haben zu wollen.

Wann immer sie es gelernt haben mag, Moyra Davey hat es nicht vergessen. Seit Anfang der 1990er Jahre produziert die Künstlerin beständig Arbeiten, die sich auf die Psychologie des Geldes und dessen freudianische transformative Eigenschaften beziehen: Scheiße zu Gold, eine Märchenfantasie. Ihr Video Hell Notes aus dem Jahr 1990 führt die Korrelation zwischen Geld und Begehren auf. Unlängst digitalisiert und im Collective for Living Cinema zum ersten Mal seit 1991 präsentiert, fragmentiert das Video die räumlichen Beziehungen zwischen der Errichtung New Yorks, der manuellen Arbeit des Unbewussten neben Diskussionen über Geld und Scheiße, Exzess und Verausgabung.

Da Begehren eine Form des Hungers ist, sind Essen und Exkremente nie weit vom Geld entfernt. In ihrem Text über Appetit und Verlangen, Magerkeit und Produktivität aus dem Jahr 2014, Spaziergang mit Nandita, schreibt Davey: „Sobald ich versuche ‚Sprache oder Hunger‘ zu denken, ersetze ich unweigerlich Hunger mit essen, nicht essen und scheißen. Hunger ist etwas anderes.“3 Der Wille, nicht die Notwendigkeit begründet das abgründige Verhältnis zwischen Essen, Hunger und Transformation. Hell Notes endet damit, dass die Künstlerin Pennies aus Schmalz herausklaubt und sie in einer gusseisernen Pfanne brät, in der das Fett um die Münzen brodelt. Auf weitschweifige, zufällige, unerwartete Weise auf sich selbst zurückgewendet, wie es bei Daveys Arbeit häufig der Fall ist, beginnt ihr Video Fifty Minutes aus dem Jahr 2006 damit, dass die Künstlerin über ihre Beziehung zu dem sich verändernden Inhalt ihres Kühlschranks nachdenkt. „Ich gewinne eine unverwechselbare Freude daraus, dabei zuzuschauen, wie sich der Inhalt des Kühlschranks verringert, zu sehen, wie die Räume zwischen den Nahrungsmitteln größer werden und sich schärfer voneinander abgrenzen. […] Mein Ziel mit dem Kühlschrank ist: ihn zu öffnen und so viel wie möglich von seinen sauberen, weißen, leeren Wänden sehen zu können.“4

Ich bin überzeugt, dass sich in dieser Arbeit des Entleerens irgendwo eine Verbindung zur Entschaffung findet, jenem Begriff, den die französische Philosophin und Mystikerin Simone Weil für ihr Projekt der Selbstauflösung prägte. Sie definiert diesen Neologismus mit größter Klarheit in Schwerkraft und Gnade: „Entschaffung: Erschaffenes hinüberführen in das Unerschaffene. Zerstörung: Erschaffenes zurückführen in das Nichts. Schuldhafter Ersatz der Entschaffung.“5 Dies führte nicht nur zu einer Philosophie, sondern zu einem täglichen Körperregime. Weil beschränkte ihre Nahrungsaufnahme auf die Menge, die ihrer Einschätzung nach dem entsprach, was die Franzosen damals unter deutscher Besatzung aßen, und starb an Unterernährung. Sprache oder Hunger. „Der Körper ist ein Hebel für das Heil“, schrieb Weil in Schwerkraft und Gnade. Doch auf welche Weise? Was ist die richtige Weise, ihn zu benutzen?

Übersetzung aus dem Englischen: Robert Schlicht

Ausstellung: Moyra Davey, Hell Notes

1 Karl Marx, Grundrisse, MEW 42, S. 157 f.
2 Moyra Davey, Hell Notes (1990/2017).
3 Moyra Davey, „Spaziergang mit Nandita“, documenta14, 2017, http://www.documenta14.de/de/south/892_walking_with_nandita
4 Moyra Davey, Fifty Minutes (2006).
5 Simone Weil, Schwerkraft und Gnade, München 1981, S. 97.