Journal

Das Journal auf portikus.de dient als Erweiterung der Ausstellungen im Portikus. Verschiedene Beiträge wie Essays, Interviews, Erzählungen oder Foto- und Videobeiträge vermitteln einen genaueren Blick auf die Interessen der ausstellenden Künstler und reflektieren Themen, die unsere Gesellschaft, Politik und Kultur betreffen.

In the Mood for Bengawan Solo

Paula Kommoss, Arin Rungjang
2018-09-17

"Oh my god, this is another kind of code language!"

Amy Sillman, Bernard Vienat
2016-08-17

Ein Narrativ für den Körper: Present Sore von Shahryar Nashat

Isla Leaver-Yap, Shahryar Nashat, Fabian Schöneich
2016-04-22

WE THE PEOPLE – Die Bewahrung der Freiheit

Cosima Anna Grosser
2017-04-25

Portikus XXX Summer Screening Program

Levi Easterbrooks
2017-09-25

Zahl & Kopf

Levi Easterbrooks, Janique Préjet Vigier
2018-02-06

Der Körper, der Sockel

Marina Rüdiger
2016-05-31

H[gun shot]ow c[gun shot]an I f[gun shot]orget?

Lawrence Abu Hamdan
2016-04-19

Zwischen Stillstand und Bewegung

Malina Lauterbach, Maximilian Wahlich
2017-01-29

Textil als Medium der zeitgenössischen Kunst

Olga Inozemtceva
2017-05-18

Die 1960er Jahre waren für die bildende Kunst in vielfältiger Weise revolutionär und wegweisend. Es verwundert daher nicht, dass die Verwendung vieler bis dato ungewöhnlicher Werkstoffe im Arbeitsprozess von Künstlern gerade in diesem Jahrzehnt ihren Ursprung oder einen enormen Aufschwung fand. Künstlerische Grenzen verschwanden bzw. wurden neu ausgelotet und Materialien wie Textilien entwickelten sich alsbald zu „autonomen künstlerischen Werkstoffen“. 1

Einer der bekanntesten Wegbereiter für diese Entwicklung ist sicherlich der deutsche Künstler Joseph Beuys, der nicht zuletzt mit einem Fokus auf die Materialien Filz und Fett internationales Renommee erwarb. Auch Beuys amerikanischer Kollege Robert Morris ist bekannt für seine Arbeiten mit Filz, obgleich sich die Intentionen der beiden Künstler hinter der Arbeit mit dem Material stark unterschieden.

Dass Textilien in der Kunst zuvor ziemlich lange eine eher marginale Rolle spielten, lässt sich aber auch aus technologischer Sicht erklären. Letzten Endes benötigte es erst einen bestimmten Maschinentypus, um großformatige Ornamente und komplizierte Textilentwürfe weben zu können. Zwar hatte Joseph-Marie Jacquard (1752 – 1834) seinen berühmten Webstuhl bereits 1801 erstmalig vorgeführt, dennoch war diese Technik lange Zeit nicht jedermann frei zugänglich oder horrend teuer und so war es auch für Künstler schwierig, bestimmte Stoffe überhaupt zu produzieren.

Jacquard-Webstühle zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass es die ersten ihrer Art waren, die auf Basis von Lochkarten webten und somit auch komplizierte Muster ermöglichen. Pro Schuss lässt sich so jeder Kettenfaden am Webstuhl einzeln oder in einer kleinen Gruppe bedienen, was bei früheren mechanischen Modellen unmöglich war. Dass diese Methodik auch heute noch eine Relevanz im künstlerischen Herstellungsprozess besitzt, zeigte die Arbeit „Acquired Nationalities“ von Rosella Biscotti in der Ausstellung „House of Commons“ im Portikus.

Jacquard Webstuhl, gefilmt im Paisley Museum (© National Museums Scotland)



Als Teil der Serie „10 x 10“ konzipiert, arbeitet Biscotti mit den demographischen Daten der belgischen Volkszählung von 2001 und dem Nationalregister (1. Januar 2006), transformiert bzw. modelliert diese mit Hilfe von programmierten Excel-Kalkulationsmodellen, um sie schließlich mit einer computergesteuerten Jacquard-Maschine auf Textil zu visualisieren. Inhaltlich interessiert sich die Künstlerin dabei vor allem für das Spannungsgefüge zwischen dem Individuum in der Gesellschaft und einer statistischen Struktur, welche zur vermeintlich objektiven Beschreibung der Selbigen in politischen Institutionen als unerlässlich gilt. Das Ergebnis ist eine hochspannende Wechselwirkung aus demographischen Daten, Ihrer Verarbeitung und einer Visualisierung in 25 verschiedenen Grautönen auf Textil.

Rossella Biscotti, Aquired Nationalities, 2014, KADIST Sammlung, Ausstellungsansicht, House of Commons, 03.12.2016–29.01.2017, Portikus, Frankfurt/Main, Foto: Helena Schlichting



Neben der Arbeit von Rosella Biscotti zeigten aber auch andere Frankfurter Ausstellungen in jüngerer Zeit Werke mit einem Fokus auf Textilien. Ein Bespiel sind die großen gewebten Bilder der Serie „weavings“ (2011 – 2014) von Willem de Rooij in der Ausstellung „Willem de Rooij. Entitled“ im Museum für Moderne Kunst - MMK 2. De Rooij lässt die Werke seit 2009 allesamt in der Handweberei „Henni Jaensch-Zeymer“ in der Nähe von Berlin produzieren. Die Maße der Arbeiten sind dabei stets direkt von den Möglichkeiten der Webstühle und ihrer Techniken abgeleitet. Der Künstler vergleicht hier die Kreuzung von Fäden, die in zwei verschiedene Richtungen laufen, mit Begriffen wie Opposition, Kontrast, Übergang und Nuance. Manche der daraus entstehenden Gewebe erinnern zunächst stark an monochrome Malereien, bei genauerer Betrachtung offenbaren jedoch auch die vermeintlich einfarbigen Gewebe mindestens zwei Farbnuancen.

Willem de Rooij, Taping Precognitive Tribes, 2012 , Courtesy: Friedrich Christian Flick, Foto: Axel Schnider, Quelle: Mousse Magazine)



Ebenso beschäftigt sich der in Frankfurt lebende und arbeitende Künstler Thomas Bayrle mit Textilien, genau genommen mit ornamentalen Bildern und dem Prinzip des Seriellen. Mit einem Augenmerk auf Motive aus der Popkultur interessiert sich Bayrle, der einst selbst eine Ausbildung zum Weber absolvierte, vor allem für „das Verhältnis vom einzelnen Faden zum Gesamtstoff“2 und vergleicht dieses Gefüge mit der Beziehung des menschlichen Individuums mit dem Kollektiv bzw. der Gesellschaft. Ferner bewies der Künstler aber auch schon sein Können in der angewandten Kunst, wie es beispielsweise seine Entwürfe für das weltberühmte Modelabel „Clemens en August“ zeigen, welche 2008 auch im Zuge einer ihm gewidmeten Retrospektive in der Galerie Francesca Pia zu sehen waren.

Thomas Bayrle, All-in-One, Ausstellungsansicht, WIELS Contemporary Art Centre, 09.02 – 12.05.2013, Brüssel, 2013. Quelle: WIELS



Es zeigt sich, dass textile Arbeiten weder oberflächlich sind, wie es eine Assoziation mit der Modewelt vielleicht suggerieren könnte, noch eine profane Handwerkskunst darstellen. Vielmehr beweist nicht zuletzt schon die Komplexität der verschiedenen Materialien, dass Textil ein ideales Medium ist, um sowohl individuelle Geschichten als auch gesellschaftliche Zusammenhänge zu beschreiben oder beiden Themen sogar zu verweben.

1 Kunst-Stoff. Textilien in der Kunst seit 1960. 12. November 2011 bis 12. Februar 2012, URL: https://www.karlsruhe.de/b1/kultur/kunst_ausstellungen/museen/staedtische_galerie/ausstellungen/kunststoff.de
2 Ausst. Kat. Textiles: Open Letter: Abstraktionen, Textilien, Kunst. Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach, 2013, S.15.

Im Verborgenen

Carina Bukuts
2017-12-21