Journal

Das Journal auf portikus.de dient als Erweiterung der Ausstellungen im Portikus. Verschiedene Beiträge wie Essays, Interviews, Erzählungen oder Foto- und Videobeiträge vermitteln einen genaueren Blick auf die Interessen der ausstellenden Künstler und reflektieren Themen, die unsere Gesellschaft, Politik und Kultur betreffen.

Der Körper, der Sockel

Marina Rüdiger
2016-05-31

H[gun shot]ow c[gun shot]an I f[gun shot]orget?

Lawrence Abu Hamdan
2016-04-19

Zwischen Stillstand und Bewegung

Malina Lauterbach, Maximilian Wahlich
2017-01-29

Textil als Medium der zeitgenössischen Kunst

Olga Inozemtceva
2017-05-18

Im Verborgenen

Carina Bukuts
2017-12-21

"Oh my god, this is another kind of code language!"

Amy Sillman, Bernard Vienat
2016-08-17

Ein Narrativ für den Körper: Present Sore von Shahryar Nashat

Isla Leaver-Yap, Shahryar Nashat, Fabian Schöneich
2016-04-22

WE THE PEOPLE – Die Bewahrung der Freiheit

Cosima Anna Grosser
2017-04-25

Portikus XXX Summer Screening Program

Levi Easterbrooks
2017-09-25

Wie könnte eine durch Video erzählte Nebengeschichte des Portikus aussehen? Helke Bayrles Portikus Under Construction liefert die Bilder zu dieser Geschichte, indem es ein institutionelles Gedächtnis und eine Reihe von Kunstwerken aus dem konstruiert, was beinahe immer getilgt und ausgeblendet wird: die Arbeit, die in den endgültigen, der Öffentlichkeit präsentierten Installationen im Hauptsaal außen vor bleibt. Auch wenn die in diesem Screening-Programm gezeigten Kunstwerke an sich keinesfalls Nebenwerke sind, operieren sie außerhalb der Grenzen früherer Beiträge, die diese Künstler zum Vermächtnis der Ausstellungen im Portikus geleistet haben. Fast keiner dieser Filme oder Videos wurde zuvor in den Sälen des Portikus gezeigt, doch in ihrer Summe und in ihrer Abweichung von der Norm bieten sie ein Vehikel zur Reflexion. Diese Beziehungen sollen sich durch die Methoden des Programms ziehen, und so werden Zusammenstellungen aus Filmen und Videos den Wert des Mangels, des Ungewissen, des Sekundären, des Dunklen, des Vergessenen und des Nichtklassifizierbaren beleuchten. Von Bayrle inspiriert, versucht das Projekt, aus diesen uneindeutigen Positionen eine Nebengeschichte des Portikus zu konstruieren.

Programm:

19.07.2017
1. Filming Lack
-Martha Rosler, Secrets From the Street: No Disclosure (1980)
-Thirteen Black Cats, Corpse Cleaner (2016)

26.07.2017
2. Dara Friedman
-Dara Friedman, Dancer (2011)
Dancer wurde im Portikus gezeigt und ergänzte damit die Präsentation einzelner Fragemente, die im Rahmen von Portikus XXX im Flughafen Frankfurt geziegt wurden.

02.08.2017
3. Procession/Parade
-Dieter Roth, Dot (1960) and Pop 1 (1957-1961)
-Josef Strau, Untitled (slide projection) (2012)
-Nina Könnemann, Pleasure Beach (2001)
-Mike Kelley, Bridge Visitor (Legend-Trip) (2004)
-Jimmie Durham, Smashing (2004)

09.08.2017
4. Sound Bleed
-Minouk Lim, New Town Ghost (2005)
-Basel Abbas & Ruanne Abou-Rahme, Collapse (2009)
-Lawrence Abu Hamdan, The All Hearing (2014)
-Dan Graham, Minor Threat (1983)
-Dan Graham & Glenn Branca, Performance and Stage-Set Utilizing Two-Way Mirror and Video Time Delay (1983)

16.08.2017
5. Non-work
-Frances Stark, Cat videos (1999-Present)
At Home 1999/1999 (w/ Stephen Prina’s The Achiever) (1999)
Thinking About Writing (w/ Joan Didion interview on public radio) (2001)
At My Desk (w/ Björk’s “Pluto”, circa 1997) (2002)
-Helke Bayrle, Portikus Under Construction (1992-Present)
Frances Stark (2008)
Morgan Fisher (2009)
-Morgan Fisher, Standard Gauge (1984)


Eine Schriftensammlung von Mike Kelley trägt den Titel „Minor Histories: Statements, Conversations, Proposals“.1 Bei den Texten handelt es sich insofern um Sekundärwerke, als sie nicht im Mittelpunkt seiner Ausstellungen standen, sondern eher den textlichen Rahmen für Kunstwerke und Videos bildeten. Wenn Kelleys Skulpturen und Videos im Vordergrund von Ausstellungen stehen, in denen nur wenige oder gar keine Texte gezeigt werden, dann könnte man sagen, dass die betreffenden Texte sekundär sind (oder gemacht werden), auch wenn sie vielleicht einen wesentlichen Anteil an Kelleys Kunst haben. Was an den Rand des Bewusstseins gedrängt wird, was in dieser Weise untergeordnet wird, ist immer auch nebensächlich (minor). Das Nebensächliche ist das, was im Verhältnis zu einem größeren Projekt – in diesem Fall eine Kunstausstellung – von geringerer Bedeutung ist. Andererseits könnte man die Bedeutung großer Werke aber auch durch die Brille von Voraussetzungen betrachten, die durch nebensächliche Materialien erst geschaffen werden. Kelleys „Minor Histories“ nehmen Einfluss auf das Verständnis seiner bedeutenden Werke, da die Texte seine Werke im Nachhinein verändern, indem sie etwas hinzufügen, das vorher nicht zugänglich war. Dieser Schritt – vom Hauptsächlichen zum Nebensächlichen, von Makro zu Mikro – ist auch ein Merkmal der Mikrogeschichte als einer geschichtswissenschaftlichen Forschungsrichtung. In einem Vorwort zur italienischen Ausgabe von „Der Käse und die Würmer: Die Welt eines Müllers um 1600“ (eine der ersten mikrohistorischen Studien), schreibt der italienische Gelehrte Carlo Ginzburg:

In der Vergangenheit konnte man Geschichtswissenschaftlern vorwerfen, dass sie nur an den „großen Taten der Könige“ interessiert seien, doch das trifft heute sicherlich nicht mehr zu. Sie beschäftigen sich immer häufiger mit dem, was ihre Vorgänger stillschweigend übergangen, verworfen oder schlichtweg ignoriert haben. „Wer baute das siebentorige Theben?“ fragte schon Bertold [sic] Brechts „lesender Arbeiter“. Die Quellen teilen uns nichts über diese anonymen Maurer mit, doch die Frage bleibt in ihrer ganzen Bedeutungsschwere stehen.2

Das ist der Ethos der Mikrogeschichte und auch der „Minor Histories“ und des Screening-Programms, bei denen es jeweils darum geht, das Nebensächliche und das Sekundäre in den Vordergrund zu stellen und so verschiedene historische Neubetrachtungen zu ermöglichen.

Wenn ich auch im Weiteren die Begriffe „nebensächlich“ und „sekundär“ verwende, beabsichtige ich durch diese nominale Klassifizierung keineswegs die Bekräftigung einer Werthierarchie, die solche Materialien einem Hauptprojekt, was auch immer sich dahinter verbergen mag, unterordnet. Hinter diesem Screening-Programm steht die Absicht, den Wert der Auseinandersetzung mit dem bzw. in dem Sekundären oder Nebensächlichen zu beleuchten, um genau das zum zentralen Thema und Untersuchungsziel zu machen, trotz der Diskreditierung des entsprechend eingeordneten Materials. Die Begrifflichkeiten sind ohnehin immer relativ.

In dieser Programmreihe werden die im Portikus gezeigten Ausstellungen und deren einzelne Kunstwerke zur „Hauptsache“. Das, was außerhalb davon liegt (z.B. die anderen Kunstwerke der Künstler, die Programmelemente, die anderswo in den Räumlichkeiten der Institution stattfinden, und die Veranstaltungen, die sich den üblichen zeitlichen Rahmenbedingungen der Ausstellung entziehen), wird zur Nebensache oder sekundär.

Helke Bayrles aktuelles Videoprojekt, Portikus Under Construction (1992 bis zur Gegenwart) arbeitet mit der Inszenierung kurioser Paradoxa nach eben diesem Schema. Ihre Videos zeigen die Arbeiten im Portikus vor der Ausstellungseröffnung – wie Gerüste auf- und wieder abgebaut, Kunstwerke eingepackt und Pläne durchgeführt oder verändert werden, wenn irgendwelche unvorhergesehenen Schwierigkeiten auftreten. Obwohl all diese Vorkommnisse und Vorgänge von grundlegender Bedeutung für die Inszenierung einer Ausstellungen in der Galerie sind, spielen sie bei der Präsentation der Kunstwerke am Ende doch nur eine Nebenrolle. Über Bayrles Projekt schreibt Kirsty Bell:

Helke Bayrle richtet ihr Augenmerk auf die Details am Rande, auf unscheinbare Gesten, auf banale Vorgänge, um genau diese Aspekte des kreativen Prozesses zu erfassen: die Dinge, „die als selbstverständlich hingenommen werden, es aber nicht sind.3

Helke Bayrle, Portikus Under Construction (Frances Stark), 2008.



Doch werden diese Dinge wirklich als Selbstverständlichkeit hingenommen, weil sie fraglos banal und nebensächlich sind? Was hat sie ins Abseits und in die Banalität gedrängt? Die reine Notwendigkeit einer Handlung macht sie nicht banal. Auch bei dem, was als Normal gilt, gibt es Spielräume. In den meisten Fällen bleiben die im Vorfeld einer Ausstellung geleisteten („banalen“) Arbeiten trotz ihrer Notwendigkeit im Endergebnis, das den Ansprüchen einer Eröffnung genügt, unsichtbar. Damit möchte ich nicht sagen, dass alle Kunstausstellungen die Arbeiten und die am Aufbau beteiligten Arbeiter gezielt in den Hintergrund drängen, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass die betreffende Arbeit (Kunst?) in der Regel nicht sichtbar ist. Bayrles Werk bereitet dem, was unsichtbar ist, eine Bühne, um es neu sichtbar zu machen, wobei die „sekundären“ Vorgänge wieder in das Hauptkunstwerk eingewoben werden. Das vermeintlich „Banale“ wird nicht mit einem Schulterzucken abgetan oder versteckt. Seine Banalität wird in Frage gestellt. Die Nebensache wird zur Hauptsache.

Mit nur einer Ausnahme (Bayrle) wurden diese Filme und Videos noch nie im Rahmen einer Ausstellung im Portikus gezeigt, doch nun wurden sie für ein Filmprogramm aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums der Institution zusammengestellt. Man könnte meinen, ein Anlass dieser Art könne als Gelegenheit dienen, die Geschichte einer Institution nachzuzeichnen. Was für eine Art von Geschichte wird durch eine Zusammenstellung von Einzelteilen konstruiert, die nur am Rande mit dem Programm der Vergangenheit zu tun haben? Könnte es eine nebensächliche Geschichte sein? Es wäre doch etwas übertrieben, die Filme und Videos in einem solchen thematischen Rahmen zu präsentieren, wenn sie nur aufgrund der Tatsache, dass sie nicht gezeigt wurden, nebensächlich oder sekundär wären.

Es ist aber so, dass sie ihre Berechtigung, über und aus dieser Perspektive zu berichten, nicht einfach nur aus ihrer Nichtberücksichtigung in den Programmen der Vergangenheit ziehen. Durch formale Methoden, die mit dem Spannungsfeld zwischen dem Verborgenen und dem Offenbaren spielen, didaktische Hinweise auf Nichtgezeigtes und das Umgehen einer gefälschten Klarheit durch Übermaß oder Auslassung nähern sich diese Videos und Filme dem Material von unten und von der Seite und stellen Vorgänge, die zur Nebensache gemacht wurden, in ein neues Licht.

Der erste Programmabschnitt steht unter dem Titel „Filming Lack“. Im Mittelpunkt steht das Video „Corpse Cleaner“ (2016) von Thirteen Black Cats, einem Kollektiv für Bewegtbilder.4 „Corpse Cleaner” rückt das, was sonst nicht sichtbar wird, ins Blickfeld: geheime Briefwechsel, die Produktion von Hollywood-Filmen, Atomtechnik. In einer langen Aufnahmesequenz, die sich durch ein Requisitenlager schlängelt, das die vergessene Infrastruktur einer finanzschweren Filmproduktion beherbergt, werden alle drei Themen miteinander verwoben, wobei die Atomtechnik den Dreh- und Angelpunkt bildet. Thirteen Black Cats präsentiert das Video im Negativ und verwendet Impressionen und Folgeeffekte, um den Widerstand der Atomtechnik gegen saubere und eigenständige Bilder zu registrieren. Sowohl in Form als auch Inhalt nähert es sich gravierenden Ereignissen (der Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki durch das amerikanische Militär) durch das Randständige und Nebensächliche.

Thirteen Black Cats, Corpse Cleaner, 2016, Mit freundlicher Genehmigung der Künstler.



Den Abschluss des Filmprogramms bildet Morgan Fishers Film Standard Gauge (1984), der im Programmabschnitt „Non-work“ gezeigt wird. Fisher zieht sein gesammeltes 35-mm-Filmmaterial über einen Leuchtkasten, kommentiert die einzelnen Bilder und erzählt die Hintergrundgeschichten zu der Arbeit und der Produktion, was letztlich die Bilder ergibt, die wir auf Film gebannt sehen. Seine Kommentierung bringt das ins Wort, was im fertigen Hollywood-Film, der frei von allen Fehlern und chaotischen Umständen bei der Produktion auf der Kinoleinwand gezeigt wird, im Verborgenen bleibt. Labortechniker, Filmvorführer und anonyme Frauen, die zum Kalibrieren der Filmfarbe eingesetzt werden, werden allesamt in ein Endprodukt hineingenommen, das sonst meist alle Spuren ihrer Arbeit auslöscht.

Morgan Fisher, Standard Gauge, 1984, 16-mm, Farbe, Lichtton, 35 min., Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Buchholz, Berlin/Köln/New York.



Das zwischen Standard Gauge und Corpse Cleaner aufgespannte Sommerfilmprogramm versucht, seinem Anfangs- und Endpunkt treu zu bleiben, ebenso wie auch dem Impuls zu einer Neubetrachtung des Nebensächlichen, das Helke Bayrle in den Mittelpunkt einer Entfaltungsgeschichte des Portikus stellt. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Institution, das unter dem Motto Portikus XXX stadtweit mit Installationen, Veranstaltungen und Lesungen begangen wird, versucht das Programm Summer Screenings, markante Ereignisse der Vergangenheit aus der unteren und der rückseitigen, der nebensächlichen und der sekundären Perspektive zu beleuchten.

Übersetzung aus dem Englischen: Angela Selter

Klicken Sie hier für das vollständige Summer Screening Programm (PDF)

1 Kelley stellte 1992 im Portikus aus. Im Rahmen von Portikus XXX wird sein Video „Bridge Visitor (Lengend-Trip)“ (2004) im Programmteil „Procession/Parade“ der Summer Screenings gezeigt.
2 Carlo Ginzburg, „Der Käse und die Würmer: Die Welt eines Müllers um 1600“, Frankfurt am Main, 1979. (Eigene Rückübersetzung des Zitats aus dem Englischen.)
3 Kirsty Bell, “On Helke Bayrle’s Portikus Archive”, in Portikus Under Construction 1992-2016, Hrsg. Fabian Schöneich (Berlin: Sternberg, 2017), 130.
4 Thirteen Black Cats ist ein Kollektiv, dem Vic Brooks, Evan Calder Williams und Lucy Raven angehören. Ravens Ausstellung Curtains wurde 2014 im Portikus gezeigt.

Zahl & Kopf

Levi Easterbrooks, Janique Préjet Vigier
2018-02-06