Journal

Das Journal auf portikus.de dient als Erweiterung der Ausstellungen im Portikus. Verschiedene Beiträge wie Essays, Interviews, Erzählungen oder Foto- und Videobeiträge vermitteln einen genaueren Blick auf die Interessen der ausstellenden Künstler und reflektieren Themen, die unsere Gesellschaft, Politik und Kultur betreffen.

In the Mood for Bengawan Solo

Paula Kommoss, Arin Rungjang
2018-09-17

"Oh my god, this is another kind of code language!"

Amy Sillman, Bernard Vienat
2016-08-17

Ein Narrativ für den Körper: Present Sore von Shahryar Nashat

Isla Leaver-Yap, Shahryar Nashat, Fabian Schöneich
2016-04-22

WE THE PEOPLE – Die Bewahrung der Freiheit

Cosima Anna Grosser
2017-04-25

Portikus XXX Summer Screening Program

Levi Easterbrooks
2017-09-25

Zahl & Kopf

Levi Easterbrooks, Janique Préjet Vigier
2018-02-06

Der Körper, der Sockel

Marina Rüdiger
2016-05-31

H[gun shot]ow c[gun shot]an I f[gun shot]orget?

Lawrence Abu Hamdan
2016-04-19

Zwischen Stillstand und Bewegung

Malina Lauterbach, Maximilian Wahlich
2017-01-29

Textil als Medium der zeitgenössischen Kunst

Olga Inozemtceva
2017-05-18

Im Verborgenen

Carina Bukuts
2017-12-21

Seit jeher gilt es als eine der wichtigsten Aufgaben der Menschen Wissen zu sichern. Dies geschieht nicht nur mithilfe mündlicher Überlieferungen an nachfolgende Generationen, sondern allem voran durch Gedächtnisinstitutionen. Unter diesem Sammelbegriff vereinigen sich all jene Einrichtungen, deren Ziel es ist, Wissen zu bewahren und zu vermitteln. Denkt man hierbei zunächst an Bibliotheken und Archive, so zählt das Museum ebenfalls dazu. Es handelt sich hierbei um Orte, die Zeitzeugnisse verwalten und gerade das zu schützen versuchen, wodurch sich die Identität einer Gesellschaft konstituiert: ihr kulturelles Erbe.

Sirah Foighel Brutman & Eitan Efrat, Printed Matter, Ausstellungansicht, Slide show, 29.04.–11.06.2017, Portikus. Foto: Helena Schlichting.



All diese Institutionen leisten ihren Anteil daran, dass wir nicht vergessen. Sie funktionieren in der Tat wie ein kollektives Gedächtnis. Doch ähnlich dem individuellen, persönlichen Gedächtnis gibt es Ereignisse, an die man gerne und stolz zurückdenkt und Begebenheiten, die unangenehm sind und deswegen in Vergessenheit geraten. Die Psychoanalyse bezeichnet diesen Prozess als Verdrängung. Während beim gewöhnlichen Vergessen unbewusst irrelevante Informationen zugunsten wichtiger gespeichert werden, werden beim Verdrängen Inhalte bewusst von der Erinnerung ausgeschlossen, um unangenehme Emotionen zu vermeiden. Die Verdrängung ist somit ein natürlicher Abwehrmechanismus, um sich selbst zu schützen. Doch was geschieht, wenn Gedächtnisinstitutionen ebenfalls von dieser Strategie Gebrauch machen? Wenn gerade jene Institutionen unbequeme Wahrheiten verdrängen, die doch als Wahrheitsgarant schlechthin gelten?

Michel Foucault nahm dem Archiv Ende der 1960er Jahre seine Unschuld. Er wies darauf hin, dass an diesem Ort keine Wahrheiten gesammelt, sondern erst konstruiert werden. Unter dem Deckmantel der Objektivität werden Tatsachen erst in solche produziert, indem jedes archivierte Dokument eine Vielzahl weiterer impliziert, die nicht in die Selektion aufgenommen worden sind. 1 Dienen Institutionen wie Archive und Museen dazu, Geschichte wie Gegenwart zu verwalten, muss sich bewusst gemacht werden, dass Machtstrukturen innerhalb dieser Institutionen letztlich dafür verantwortlich sind, welche Inhalte das Prädikat wertvoll erhalten und welche ins kulturelle Unterbewusstsein gedrängt werden. Das kulturelle Gedächtnis ist damit nicht mehr als ein Kanon.

Sirah Foighel Brutman & Eitan Efrat, Printed Matter (Still), 2011.



Wer sich in diesen einschreibt, wird nicht in Vergessenheit geraten. An ihn wird sich erinnert. Genauso wie sich Hanne Foighel an ihren Lebenspartner André Brutmann erinnert. In der Videoarbeit Printed Matter (2011) von Sirah Foighel Brutmann und Eitan Efrats werden Kontaktabzüge auf einen Leuchtkasten gelegt während eine freundliche Frauenstimme die Negative kommentiert. Das Bildmaterial stammt von dem Vater der Künstlerin, die Stimme gehört ihrer Mutter. André Brutmann war bis zu seinem Tod im Jahre 2002 ein gefragter Pressefotograf, der insbesondere den Israel-Palästina-Konflikt über Jahrzehnte mit seiner Kamera begleitete. Doch die Kontaktabzüge zeigen nicht nur Bilder von verlassenen Städten und Aufständen, sondern auch seine Familie. Brutmanns Archiv ist nicht nur des eines Fotografens, sondern auch eines Vaters. Auf der gleichen Filmrolle können sich Bilder von Staatsoberhäuptern, von Beerdigungen, aber auch von Kindergeburtstagen finden lassen. Während die Mutter der Künstlerin beim Betrachten der Familienfotos meist nostalgisch wird und Bilder von sich im Badeanzug mit einem lachenden „this doesn’t belong here at all“ kommentiert, senkt sich ihre Stimme oftmals beim Anblick der Fotografien, die Brutmann für die Öffentlichkeit gemacht hat.

Diesen Fotografien wohnt ein Unbehagen bei. Die Erinnerung an diese Momente erzeugen Stille. Die Art wie Foighel über die Bilder spricht, scheint nicht nur Auskunft über die Vergangenheit zu geben, sondern auch über die Gegenwart. Die Erinnerungen an die politischen Konflikte in den 90er Jahren scheinen sich gerade deswegen meist in Stille aufzulösen, da auch noch heute keine Lösung für diese in Sicht ist. Vielmehr scheinen die Fotografien eine historische Erzählung unserer Gegenwart zu sein, indem sie den Betrachter an Konflikte erinnern, deren Spuren noch heute sichtbar sind.

„Die Photographie sagt (zwangsläufig) nichts über das, was nicht mehr ist, sondern nur mit Sicherheit etwa über das, was gewesen ist. Beim Anblick eines Photos schlägt das Bewußtsein nicht unbedingt den nostalgischen Weg der Erinnerung ein (…), sondern den Weg der Gewissheit: das Wesen der Photographie besteht in der Bestätigung dessen, was sie wiedergibt.“2 Roland Barthes sieht in der Fotografie nur das Abbild einer bereits geschehenen Gegenwart, die nichts über ein davor oder danach aussagen kann. In gleicher Weise scheinen auch Sirah Foighel Brutmann und Eitan Efrat mit „Printed Matter“ zu argumentieren, indem sie eben nicht nur visuelles Material zeigen, sondern es auf der auditiven Ebene von einer Zeitzeugin kommentieren und reflektieren lassen. Sie schreiben somit das Archiv André Brutmanns in die Gegenwart ein, anstatt es in der Vergangenheit verharren zu lassen.

Sirah Foighel Brutman & Eitan Efrat, Printed Matter (Ausschnitt), 2011.



Doch anders als die Fotografie, ist das Gedächtnis lückenhaft. Es bleibt ein Fragment, welches sich nie zu einem Gesamtbild zusammenfügen lässt.3 Das Gedächtnis kann Daten durcheinanderbringen, Orte und Menschen miteinander verwechseln. Es kann sich nur an Bedeutsames erinnern und selbst das kann erneut in Vergessenheit geraten. Darüber hinaus kann es verdrängen. Aus diesem Grund ist es gerade das Zusammenspiel von Zeugnis und Zeuge, welches überhaupt Bedeutung generieren kann. Aus dieser Verbindung kann überhaupt das vorhergehen, was wir als Wahrheit bezeichnen und selbst dann gilt es stets diese zu überprüfen.

1 Vgl. Michel Foucault. Die Archäologie des Wissens. Frankfurt am Main 1973 (L’archéologie du savoir, Paris 1969).
2 Roland Barthes. Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, Frankfurt am Main 2009, S.95, (La chambre claire, Paris 1980).
3 Vgl. Siegfried Cracauer. Memory Images, 1927, in: MEMORY, Documents of Contemporary Art, London 2012: „Memory images appear to be fragments – but only because photography does not encompass the meaning to which they refer and in relation to which they cease to be fragments.”