Journal

Das Journal auf portikus.de dient als Erweiterung der Ausstellungen im Portikus. Verschiedene Beiträge wie Essays, Interviews, Erzählungen oder Foto- und Videobeiträge vermitteln einen genaueren Blick auf die Interessen der ausstellenden Künstler und reflektieren Themen, die unsere Gesellschaft, Politik und Kultur betreffen.

In the Mood for Bengawan Solo

Paula Kommoss, Arin Rungjang
2018-09-17

"Oh my god, this is another kind of code language!"

Amy Sillman, Bernard Vienat
2016-08-17

Ein Narrativ für den Körper: Present Sore von Shahryar Nashat

Isla Leaver-Yap, Shahryar Nashat, Fabian Schöneich
2016-04-22

WE THE PEOPLE – Die Bewahrung der Freiheit

Cosima Anna Grosser
2017-04-25

Portikus XXX Summer Screening Program

Levi Easterbrooks
2017-09-25

Zahl & Kopf

Levi Easterbrooks, Janique Préjet Vigier
2018-02-06

Der Körper, der Sockel

Marina Rüdiger
2016-05-31

Haut bedeckt die Oberfläche des menschlichen Körpers. Sie staucht oder dehnt sich mit seinen Bewegungen und trägt die Spuren seiner Handlungen und Blessuren. Gegenstände, die sich an die Haut schmiegen, vom Körper benutzt oder getragen werden, beeinflussen seine Haltung wie auch seine Bewegungsabläufe und passen sich an sie an (oder werden daran angepasst). Kleidung, Schuhe, Möbel und Prothesen ergänzen den Körper um Form und Funktion. Sie verleihen ihm Fähigkeiten, die er von sich aus nur begrenzt besitzt und ermöglichen ihm so zum Beispiel in der Kälte nicht zu frieren, vom Boden erhoben zu sitzen oder mit nur einem Bein zu gehen. Auch wenn sie gerade nicht in Benutzung sind, werden an den jeweiligen Gegenständen die Spuren ihres Gebrauchs und damit die Abbilder ihrer Träger sichtbar.

Der Sockel ist ein Körper im Raum. Trägt er im künstlerischen Ausstellungskontext einen Gegenstand, so ist dies eine Setzung, die Dritte (Künstler/Kuratoren) initiiert haben. Diese Setzung besteht für die Dauer ihrer Präsentation. Sie provoziert den Kontakt zweier Körper, dem Tragenden und dem Getragenen. Der Sockel erweitert das zu tragende Objekt um mehrere Funktionen: Er trennt den Gegenstand von seinem Umraum und erhebt ihn; der Boden, auf dem der Betrachter steht, ist so nicht mehr der Boden, auf dem das Objekt steht, sondern provoziert eine Distanz, welche die Wahrnehmung seiner Oberfläche in den Vordergrund rückt. Diese Distanzierung erhebt das Objekt faktisch, aber auch ideell. Dinge, die auf ihre Betrachtung reduziert sind, werden (meist) unantastbar und gehören nicht mehr zur Welt der Gebrauchsgegenstände.

Edgar Degas, Petite danseuse de quatorze ans, 1878/1881, by M.T. Abraham Center - Provided by copyright owner of both photograph and artwork, CC BY 3.0, Wikimedia Commons



Wie präsent der Sockel innerhalb einer Präsentation sein darf, hängt davon ab, wie geschlossen das Kunstwerk ist, das er trägt, das heißt, wie sehr es sich aufgrund seiner Beschaffenheit von seinem Umraum abgrenzt. Ist die formale Präsenz von Objekt und Sockel gleichermaßen stark, so wird der Sockel zu einem Teil des Kunstwerks.

Michelangelo Pistoletto, Vetrina-Specchio, 1966



Es gibt jedoch künstlerische Objekte, die nicht auf einem Sockel stehen und trotzdem die nötige Distanzierung zum Betrachter produzieren, um als unantastbare Kunstwerke wahrgenommen zu werden. Kunstwerke, denen dies aufgrund ihrer eigenen Konstitution gelingt, wird eine höhere Autonomie zugesprochen als solchen, die auf Sockeln stehen. Steht ihre Oberfläche in direktem Kontakt mit dem Boden, den sie mit dem Betrachter teilen, benötigen sie keine Unterstützung.

John McCracken, Minnesota, 1989



Der Körper des Sockels kann unterschiedlich in Erscheinung treten. Er wird unsichtbarer, je „normaler“ er ist, das heißt je mehr seine Form seiner Funktion als bescheidener Träger entspricht. Je weiter er von dieser subjektiv empfundenen Norm abweicht, desto präsenter wird er. Die Faktoren, die hier eine Rolle spielen, sind seine Proportion, Form, Materialität und Oberfläche. Trägt ein Sockel kein Objekt, so wird seine Oberfläche zur Projektionsfläche. Je mehr er sich in den genannten Faktoren von dem entfernt, was man als Sockel wahrzunehmen gewohnt ist, desto mehr wird er zur autonomen Skulptur. Er durchläuft einen Wandel vom Gebrauchsgegenstand zum Gegenstand der Betrachtung. Die Übergänge sind fließend. Sie reichen von einer Art Phantomschmerz, der das Fehlen eines Objektes auf dem Sockel so präsent macht, dass dessen Abbild fast greifbar wird, bis hin zu einer formalen Sättigung durch die Erscheinung des Sockels selbst.

Shahryar Nashat, Chômage Technique (A,B,C,D,F,G,H), 2016



Die Arbeit Chômage Technique von Shahryar Nashat besteht aus rosa bemalten Sockeln, die sich auf stuhlähnlichen Gestellen im pinken Licht des Portikus zu sonnen scheinen. Ihnen gegenüber steht Nashats Video Present Sore, das in kurzen, intensiven Sequenzen Körper in Aktion und in starrer Pose zeigt. Die Kamera fährt über makellose oder verletzte Hautoberflächen und fokussiert deren Kontaktstellen mit Kleidung, Bandagen und Prothesen. Im weiteren Verlauf des Videos tastet sie sich heran an ein Meat Piece von Paul Thek, aus dem Kabel und Schläuche ragen, und wird unterbrochen vom Rendering eines rosa befleckten Hinkelsteins, das sich immer wieder ins Bild setzt, um schließlich darin zu verharren. Entspannt können die kleinen Sockel das Treiben der Dinge betrachten, denn sie sind von ihrer Funktion freigestellt und müssen von all dem nichts mehr tragen.

Zur Ausstellung von Shahryar Nashat

Marina Rüdiger, MA Bildende Kunst & BA Kunstgeschichte (Kunsthochschule Kassel), studiert momentan im Studiengang Curatorial Studies, einem Master Programm an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule und der Goethe Universität Frankfurt. Nebenbei arbeitet Sie für die Galerie Bärbel Grässlin.

H[gun shot]ow c[gun shot]an I f[gun shot]orget?

Lawrence Abu Hamdan
2016-04-19

Zwischen Stillstand und Bewegung

Malina Lauterbach, Maximilian Wahlich
2017-01-29

Textil als Medium der zeitgenössischen Kunst

Olga Inozemtceva
2017-05-18

Im Verborgenen

Carina Bukuts
2017-12-21