30.11.–02.02.2014

Vortrag: 14. Januar 2014, 18 Uhr, Städelschule

Buchpräsentation: 14. Januar 2014, 20 Uhr, Portikus

Der Portikus präsentiert eine Ausstellung mit Arbeiten von Amelie von Wulffen: Gezeigt werden neue Bilder, eine Diashow ihres jüngsten Comics und eine Werkgruppe bemalter Stühle. Eine solche Vielfalt an unterschiedlichen Medien, die für von Wulffens künstlerische Praxis charakteristisch ist, war bislang nur selten zu sehen. Insofern kann diese Ausstellung durchaus als Modell für die unterschiedlichen medialen Verfahren betrachtet werden, die zum Repertoire der Künstlerin zählen.

Im Hauptraum wird eine Gruppe neuer Bilder vorgestellt. Die überwiegend großformatigen Leinwände sind in kühlen Blautönen gehalten und zeigen wippende Segelboote, traditionelle Interieurs, Stillleben mit Früchten, Tierkadavern, Blumen sowie Porträts bedeutender europäischer Maler des 19. und 20. Jahrhunderts, die für die Frühzeit der Moderne stehen: Gustave Caillebotte, Max Beckmann, Goya, van Gogh. Amelie von Wulffen hat sich in den letzten Jahren insbesondere auf Bücher und Abbildungen französischer, niederländischer und deutscher Gemälde aus diesem Zeitraum konzentriert. Von den Herstellungstechniken einmal abgesehen, die wie Batik, Seidenmalerei, Tauchlack, Applikationen (etwa mit Sand oder Muscheln) oder die schnell ausgeführte Spachteltechnik dem Bereich der Hobbykünstler zuzuschreiben sind und sich insofern auf die Gegenwart beziehen lassen, findet sich in den ausgestellten Bildern nichts, was mit einer Darstellung der zeitgenössischen Welt zu tun hätte. Dennoch bezieht sich von Wulffen hier nicht einfach auf bestimmte historische Werke oder intendiert gar eine Persiflage auf die Geschichte der Malerei. Vielmehr wird diese Geschichte zu einem vielschichtigen Fragment ihrer eigenen künstlerischen Arbeit: Indem sie die Selbstporträts dieser Maler, die den Kanon der Kunstgeschichte der Moderne repräsentieren, nunmehr aufs Neue anfertigt, lässt sie sich auf jene komplexen Bedeutungsebenen ein, die schon dem ursprünglichen Akt der Maler, die sich selbst porträtierten, innewohnten. Von Wulffens Vorgehensweise beruht dabei zum einen auf ihrer großen Wertschätzung, die sie diesen Werken entgegenbringt, zum anderen aber auch auf ihrer persönlichen Faszination für die Art und Weise, in der sich die Maler als Künstler und Individuen selbst darstellten – ein Aspekt, der in von Wulffens Arbeiten schon früh eine wichtige Rolle spielt.

Diese Art der Selbstbeobachtung wird auch in den Comics anschaulich, die die Künstlerin produziert. Der neueste Comic, der im oberen Ausstellungsraum als Diashow präsentiert wird, schildert scheinbar wahre Erfahrungen aus Amelie von Wulffens eigenen Leben und fungiert als Parodie auf ihre Existenz als zeitgenössische, weibliche, etablierte Künstlerin der mittleren Generation. Die verschiedenen Kapitel des Comics gewähren ebenso humorvolle wie auch beunruhigende Einblicke in Gefühlswelten wie Frustration, Angst, Unsicherheit und Eifersucht und bilden damit eine psychologische Tour de Force durch das Dasein des zeitgenössischen Künstlers. Scheinbar banale Ängste – wie die Vorstellung, niemand käme zur Ausstellungseröffnung, die junge Generation könne mit den Arbeiten nichts mehr anfangen, die Präsenz im Internet wäre nicht ausreichend, oder man werde beim Abendessen an den falschen Tisch gesetzt – sind existenzielle Fragen, die in der Kunstwelt eine gewichtigere Rolle einnehmen als in anderen Bereichen. Indem sie diese Ängste thematisiert, legt Amelie von Wulffen die Neurosen einer ganzen Branche schonungslos offen. Ihre eigene Existenz, die zwischen dem Tragischen und dem Komischen schwankt, steht damit repräsentativ für das Leben anderer. Überraschenderweise werden die Gemälde somit eher zu Entwürfen, wohingegen der Comic und die bemalten Stühle die „vollendeten Werke“ sind – dies ein Hinweis auf die konsequente Befragung des Mediums Malerei, die für das Werk Amelie von Wulffens kennzeichnend ist. Wer auf einem der individuell gestalteten Stühle Platz nimmt, kann in die Lebenslagen der Künstlerin eintauchen – und mag sich plötzlich in einer Situation wiederfinden, in der seine eigenen Ängste rücksichtslos offengelegt werden.

Fotos: Helena Schlichting / Janina Meyer