17.05.–29.06.2008

Haegue Yang zeigt im Portikus eine neue Installation mit dem Titel "Siblings and Twins". Die Arbeit besteht aus zwei Teilen, die durch eine metaphorische Parallele inhaltlich in Verbindung treten, sich formal jedoch unterscheiden. Yangs aktuelle Arbeiten basieren auf subjektiv ausgewählten Aspekten aus den Lebensgeschichten verschiedener Persönlichkeiten. Im Fall der Portikus-Ausstellung "Siblings and Twins" sind dies der koreanische Freiheitskämpfer Kim San und die französische Autorin Marguerite Duras. Das spezifische Interesse liegt dabei vor allem darin, subjektiv empfundene Intensitäten, die der öffentlichen Wahrnehmung dieser Figuren und deren Lebensumstände zugrunde liegen, in eine abstrakte Form zu transferieren.

Der Portikus ist mit dieser Ausstellung teil eines für dieses Jahr seriell angelegten Projektes Yangs, das in weiteren internationalen Ausstellungsorten wie dem Kunstverein Hamburg, der Cubitt Gallery in London, dem Carnegie Museum of Arts in Pittsburgh, der Gallery Red Cat in Los Angeles und der Sala Rekalde in Bilbao weitere Installationen vorsieht, die zwar demselben inhaltlichen Gedanken, aber mit unterschiedlichen Figuren und deren abstrakten Übersetzungen in Installationen folgen.

Haegue Yangs künstlerische Herangehensweise zeichnet sich durch ein spezielles Interesse an der Sprache der Abstraktion aus, und im besonderen daran, wie die Rhetorik der formalen Abstraktion es ermöglichen könnte, in einer sich selbst tragende Sprache über abstrakt begriffene Zusammenhänge der Welt zu berichten. Yang kreiert mit den formalen Mitteln alltäglicher Materialien und Objekten wie Jalousien Metallkonstruktionen, Glühbirnen, Lochblechen und Scheinwerfern eine Ausstellungssituation, in der die Besucher dazu aufgerufen sind, sich der Pluralität der Interpretationsmöglichkeiten zu stellen. Die in der Ausstellung verhandelten Geschichten, die um die Personen-Paare Kim San-Nym Wales und Marguerite Duras-Robert Antelme kreisen, werden von Yangs subjektiver Lesart in sofern als ähnlich behandelt, da beide Lebensgeschichten von einem intensiven Kampf mit dem eigenen Schicksal und dem - bis zur Selbstaufgabe - unbedingten Glauben an die eigenen politischen Ideale gekennzeichnet sind. In dieser Lesart werden die Lebensgeschichten der beiden Individuen als Subjekte unter einem universellen, kollektiven Aspekt betrachtet und zusammengeführt. Ihre Inhalte mögen variieren, aber die Qualität des Universellen, so wie sie Haegue Yang in ihren Installationen mit Hilfe von abstrakten Formen zum Ausdruck bringt, kann als Suche nach und Behauptung einer subjektiven Wahrheit verstanden werden. Es geht hier weniger darum, genaue biografische Geschichten zu erzählen, als vielmehr bestimmte intensive Zustände und Aspekte, die den "realen" Geschichten innewohnen, auf universelle und zugleich subjektive Weise rhetorisch zu visualisieren.

Die realen Geschichten, die den Installationen zugrunde liegen, ließen sich auf folgende Weise erzählen: "Red Broken Mountainous Labyrinth" erzählt die Geschichte des koreanischen Freiheitskämpfers Kim San, der im chinesischen Untergrund während der Zeit von 1905 bis 1938 gegen die japanische Besatzung Koreas kämpfte, und seiner Biografin, der amerikanischen Journalistin Nym Wales. Beide haben sich in einem fremden Land unter lebensbedrohlichen Bedingungen über Jahre immer wieder getroffen. Später wurde Kim San durch den unermüdlichen Einsatz von Nym Wales zu einer Ikone der vielen namenlosen Beteiligten des koreanischen Freiheitskampfes. Die Installation "Red Broken Mountainous Labyrinth" repräsentiert mit ihrem labyrinthischen Aufbau die Art und Weise der Begegnung zweier Menschen, ohne die ein Teil der koreanischen Geschichte in Vergessenheit geraten wäre. Die zweite Installation,"5, Rue Saint-Benoit", verweist auf die gleichnamige Wohnadresse Marguerite Duras´ in Paris. Dieser Ort war Umschlagplatz und Treffpunkt für bedeutsame politische wie auch individuelle Ereignisse. Duras lebte dort mit ihrem Mann Robert Antelme, mit dem sie gemeinsam in der Résistance tätig war. Antelme wurde jedoch gefasst und nach Dachau deportiert. Nach seiner Befreiung 1945 wurde er in die Rue Saint-Benoit zurückgebracht und dort gesundgepflegt. Die Installation "5, Rue Saint-Benoit" zeigt mehrere Objekte, die den Maßen von Wohnungsobjekten, übrigens aus dem Besitz der Künstlerin selbst, aus Küche und Badezimmer entsprechen, wie etwa Küchentisch, Boiler, Duschkabine oder Herd. In dieser Arbeit wird die Wohnung selbst als Tatort des politischen Lebenskampfes verhandelt.

Die Ausstellung und der Katalog werden großzügig unterstützt von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main und der Deutsche Bank Stiftung.

Fotos: Katrin Schilling